Thun – man mag es mögen oder eben nicht. Als leidgeprüfter
Bewohner könnte ich euch die ein oder andere Schrulle
erzählen, aus der mondänen Alpenmetropole.
Stadt der Alten sagen die einen, Berlin der Schweiz die anderen.
Brot und Spiele, Krieg und Frieden solche Dinge
halt. Jährlich wird am ersten Augustwochenende seit
fünfzig Jahren die Eröffnung
einer Fussgängerbrücke gefeiert, die einen direkten
Zugang zum
Parkhaus auf der anderen Seite der äusseren Aare gewährt: Das
Thunfest. Kategorie Krieg und Spiele.
In dem halben Jahrhundert, in dem sich diese Feier in Thun zur nicht
mehr wegzudenkenden Tradition mauserte, erhoben sich auch
hässliche Fratzen, die behaupten, das Thunfest sei die
drittgrösste Party, die in der Schweiz jährlich gefeiert
werde.
Das kann schon sein. Number one and two sind unbestritten die
Streetparade in Zürich und das Buskers in Bern. Und Thun wäre
nicht Thun, wenn die beiden nicht am gleichen Wochenende
stattfänden, wie das Thunfest. Immerhin Bronze.
Ich empfinde das Thunfest als eine der bescheuertste Veranstaltungen überhaupt. Berlin der Schweiz hin oder her.
Natürlich wurde das Fest über die Jahre immer grösser
und unübersichtlicher, aber im Prinzip war schon die erste Ausgabe
bescheuert.
Machen wir uns nichts vor. Mein Eindruck, dass das Thunfest von Jahr
zu Jahr beknackter wird, hängt wohl eher mit mir und meinem
über die Jahre kultivierten Starrsinn zusammen, als mit der
Entwicklungsfahrt des Fests auf der Abwärtsspirale der
Geschmacklosigkeit.
Am Mittwoch vor dem Jubiläumsfest 2026, einem Tag, der in der Vergangenheit
mit Fug und Recht als die Ruhe vor dem Sturm bezeichnet werden
konnte, herrschte in der Thuner Innenstadt bereits Krieg.
Alle Zufahrten waren unumstösslich bewehrt mit diesen
Antiterrornagelbrettern, die beim Befahren mit mehr als 5 km/h
hochklappen und Schäden an Karosse und Lenkgeometrie verursachen.
An ausgewählten Standorten sah ich Registertonnen von mobilen
Betonblöcken der Marke Swissbloc hingestellt, sodass die Stadt
mühelos als Übungsgelände von nordamerikanischen
Antiterrormilizen durchging.
Ich kam mir vor wie ein Fremder. Ein Fremder in der eigenen Stadt.
Das einzig Vertraute, das ich auf meiner Flucht hinaus aus der sich in
Vorbereitung befindenden Festhölle wahr nahm, waren die Flecken
von ausgeschüttetem Bier und von eingetrockneter Kotze, die sich
farblich klar und kontrastreich von dem Strassenbelag abhoben.
Da es erst Mittwoch Nachmittag war, lange vor dem eigentlichen Gelage, musste ich davon
ausgehen, dass sie die vom Vorjahr eingelagert und wieder ausgerollt
hatten.
D J B r u t a l o @ S ç h n u l l i b l u b b e r.ç h