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16. Juni 2022

Alpine Sucht

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Eine ├╝ber mehrere Wochen dauernde Velotour kriegt ihren besonderen Reiz durch geschickt gew├Ąhlte Ruhetage. Heute war ein solcher.

Ruhetag geht so: Gestern bei unserer Ankunft im Basislager, hatten wir unser Kantonnement vorausschauend gleich f├╝r zwei N├Ąchte bezogen. Am Ruhetag selber dann die Tour mit einer Schleife und mit (fast) ohne Gep├Ąck erg├Ąnzt.

Die Schleife f├╝hrte uns auf den Col du Galibier, einer der Big Five hier in der Gegend. Zugegeben, eigentlich wollten wir den Pass auf unserem Weg nach S├╝den einfach mitnehmen. ├ťberraschenderweise kl├Ąrte man uns aber gestern bei unserer Ankunft im Basislager dar├╝ber auf, dass der Galibier - wie der Bursche hier liebevoll genannt wird - die n├Ąchsten vier Tage, wegen Erneuerungsarbeiten an der Fahrbahn gesperrt sein wird. Die Tour de France steht offenbar vor der T├╝r, und zu diesem Zweck soll er ordentlich aufgeh├╝bscht werden.
Die Arbeiten w├╝rden aber lediglich auf der anderen Seite, der S├╝drampe, wie das im Passstrassenjargon heisst, stattfinden. Beschied man uns. Einer Erklimmung der Nordrampe, an deren Fuss wir festsassen, gepaart mit einem Besuch der Passh├Âhe, stand vom Basislager aus somit nichts im Weg.

Die Strasse zum gesperrten Pass hoch war dann auch wie vermutet entv├Âlkert. Normalerweise teilt man sich die Fahrbahn ja mit den ganzen anderen Spinnern. Mit einem Heer von Motorr├Ądern, dem Renault Alpin Club aus Saint Tropez und auch 2022 wieder mit viel zu vielen Wohnmobilen. Gef├Ąhrte, deren Fahrer nicht selten aus L├Ąndern kommen, wo es keine Berge gibt, wo Sicherheitslinien noch respektiert werden und Leitplanken ein Gef├╝hl f├╝r Sicherheit vermitteln. Wenn Passstrassen mit Sicherheitslinien versehen sind, so markieren die nur die Mitte der geteerten Fl├Ąche, mehr nicht. Bei Nebel sind sie ein praktisches Hilfsmittel, an welchem man sich entlanghangeln kann. Sie mit der gebotenen Vorsicht kurz zu ├╝berfahren, um einen Velofahrer zu ├╝berholen, wird nicht wie zu Hause mit dem F├╝hrerscheinentzug geahndet. Auch wichtig zu wissen: Passstrassen werden, gerade in den h├Âheren Lagen, nicht mit Leitplanken versehen. Der Reparaturaufwand nach der Wintersperre w├Ąre zu gross. Somit kann der Strassenrand mit dem Abgrund gleichgesetzt werden. Wo der eine aufh├Ârt, f├Ąngt der andere an.
Wohnmobile, die ein Velo an einer solchen Stelle ├╝berholen, das touchieren der Sicherheitslinie aber scheuen wie der Teufel das Weihwasser, verursachen eine unn├Âtige Adrenalinwelle und nicht selten wird bei solchen Man├Âvern bereits ÔÇ×der FilmÔÇť eingespannt. Man sieht seine ersten Jahre vor dem inneren Auge ablaufen.

Je weiter wir uns aber der Passh├Âhe und somit dem Ziel unserer Schleife n├Ąherten, desto gr├Âsser wurde pl├Âtzlich die Dichte an anderen Velos. Zumeist G├╝mmeler, manchmal auch G├╝mmelerinnen. Nat├╝rlich wurden wir durchs Band ├╝berholt. Meistens gegr├╝sst und angefeuert.

Oben angekommen mussten wir uns vor dem Passschild erst in eine Reihe stellen und darauf warten, bis die anderen die Bilder f├╝r Ihre Palmar├Ęs geschossen hatten.

Man kann auf jeden Fall und ohne mit der Wimper zu zucken festhalten, dass der Benzinpreis noch nicht hoch genug ist. Das Aufkommen von motorisiertem Verkehr auf Passstrassen, l├Ąsst eher den Umkehrschluss zu. Man muss der Gerechtigkeit halber aber auch konstatieren, dass man sich auf Passstrassen in ein Volk von S├╝chtigen begibt. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um Adrenalinjunkies oder bloss um Geschwindigkeitsr├Ąuschler handelt. Man muss sich konsequenterweise fragen, ob es nicht Selbsthilfegruppen f├╝r Velofahrer braucht. Zum*r anonymen G├╝mmeler*in? Wenn beim Erfahrungsaustausch in einer solchen Gruppe ein k├╝hles Galibier gereicht w├╝rde, w├Ąre ich nat├╝rlich gerne mit von der Partie.

D J B r u t a l o @ S ├ž h n u l l i b l u b b e r.├ž h

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