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10. September 2021

Krieg, Friede und Ă–kologik

BrachialausrĂĽster

Lieber, als dass sich zwei Heckenschützen necken, necken sich zwei Schnecken an der Ecke Hecken- Schützenweg.

So oder ähnlich zungenbrecherte es aus meinem pazifistisch eingenebelten Ökobewusstsein zu Beginn der Gartensaison 2021. Bei genauerer Betrachtung war aber schnell einmal klar, dass der Gartenfriede arg bedroht wurde. Eine Invasion Nacktschnecken fiel aus allen Windrichtungen über die Kräuter her und verdaute sie zusehends. Da, wo sich die Schneckenpest durchgefressen hatte, hinterliess sie eine dystopische Schleimwüste. Die Population der Schnecken musste sich in der schneelosen Milde des Winters entwickelt haben. Durch den eher nass-forschen Sommer dieses Jahr gedieh die Brut prächtig und hielten sich schadlos an meinem selbstgepflanzten Grünzeug. Tomaten, Rucola, Cicorino Rosso. Alles wurde umgehend und meistens nachts eingedampft. Am Morgen danach standen da, wo tags zuvor schweisstreibende Gartenarbeit verrichtet wurde, noch ein paar Blattrippen. Verklebt mit eklig schimmernden Schleimspuren. 

Abhilfe musste her. Vielleicht nicht gleich mit Körnern rein, denn man hört so einiges darüber, was Gift in einem Biogarten alles anrichten kann. Bierfalle? Ein oft gehörter Tipp unter Gartenfreunden. Nicht mit mir, soweit kommt's noch, dass sich die Viecher ausgerechnet noch an meinen spärlichen Bierreserven gütlich tun. Nech!

"Zuerst wollen wir doch einmal das Internet durchsuchen, vielleicht gibt es ja den ein oder anderen Livehack." Dachte ich. Zum Beispiel hier, den Garten gezielt mit Pflanzen bestücken. Pflanzen anbauen, die von Schnecken verschmäht werden. Aus der eher überschaubaren Liste solcher schneckenresistenter Pflanzen stach vor allem der Rosmarin hervor. Ich überlegte mir tatsächlich, ob ich professionell in die Rosmarinzucht einsteigen soll. Ein Blick auf die Welthandelspreise liess mich allerdings wieder von dieser Idee abrücken.
Dann war noch von einem Fadenwurm die Rede, der sich in die schleimigen Kackbratzen hineinbohren und ihnen angeblich von innen heraus den Garaus macht soll. Die Vorstellung liess mir das Blut in den Adern stocken. Es wird davor gewarnt, beim Aussetzen der Würmer in den Garten unbedingt mit Handschuhen zu arbeitet, da sich die Würmer sonst auch an der eigenen sterblichen Hülle zu schaffen machen. Die Würmer kriegt man komischerweise nur im Darknet. Darüber, mit welcher Tücke man die Würmer nach getaner Arbeit wohl zum Schwalle angewachsen, wieder - walle walle - aus dem Garten kriegt, schweigt sich das Internet still aus.
 
Im Internet war erst einmal keine Hilfe zu erwarten, denn durchs Band hatten die Massnahmen gegen Schnecken ihren Tod zur Folge. Das gefiel mir nicht, denn in meinem Garten soll keinem Lebewesen auch nur das klitzekleinste Härchen geknickt werden. Mit buddhistischem Eifer sammelte ich somit Tag für Tag kesselweise Nacktschnecken ein, fuhr sie behutsam mit dem Velo über den Jordan den Fluss und verklappte sie in einem fernen Wäldchen (der Nachbargemeinde).
Wenn schon kein Gemüse zu ernten war, so entstand beim Einsammeln der Tiere gelegentlich so etwas wie Goldgräberstimmung. Da fand ich zum Beispiel fette Exemplare von der Grösse einer Bernhardinerkackwurst. Um so dermassen zum Kaventsmann angewachsen zu sein, musste solch ein Exemplar mindestens das halbe Brokkolifeld abgefressen und intus haben.

Sagt man jetzt eigentlich - auf gendergerechte Sprache gebürstet - auch Kaventsfrau? Oder ist dem feinen Herr Duden diese Schreibweise unbekannt? Schnecken sind, so lass ich bei meiner Recherche im Internet, geschlechtlich neutral. Beifang der Wissensbildung sozusagen. Aber henu, ob Kaventsfrau oder Kaventsmann, den Schnecken wird das dadurch wahrscheinlich Wurst sein. Wenn nicht gar Banane.

A propos, ein besonderes Glücksgefühl durchfuhr mich jeweils, wenn ich zwei zügellose Schnecken beim Liebesspiel entdeckte: Zack! Ab in den Kessel mit dem ekelhaften Schleimklumpen. In meinem Garten gibt es von mir erst einmal keinen Segen für die Ehe für alle.

Eigentlich ging ich davon aus, dass ich auf diese Weise der Entschneckung, den Garten bald einmal schneckenfrei kriege. Schliesslich mussten es durch meine stete Abernterei immer weniger werden, theoretisch. Leider merkte man aber davon nichts. Nach fast drei Monaten täglichem Schneckeneinsammeln bin ich nun etwas müde geworden. Ernüchternd musste ich feststellen, dass der Umfang einer Tagesernte stets plus minus über die Wochen gleich geblieben ist. Auch heute wurde der Kessel halb voll, genau gleich wie Ende Juni.

Nur so aus Neugier installierte ich vorgestern einen Torbrowser und machte mich im Darknet auf die Suche nach schwererem Geschütz. Noch bevor ich zu den verheissungsvollen Würmern vorgedrungen war, hätte ich fast eine Ladung Agent Orange gekauft. Einzig der Umstand, dass man zum Auftragen des Mittels einen B52 Bomber verwenden musste (Käufer dieses Produktes haben sich auch für den Kauf eines pensionierten Piloten mit Nam-Erfahrung interessiert) schreckte mich vor dem Kauf ab.

Nun, ich war dann im Genossenschaftsladen für landwirtschaftliche Produkte und bestellte Material für einen Pofi Schneckenzaun. (Sie hatten es nicht vorrätig am Lager und mein Plan, den Schneckenzaun gleich mit meinem Fahrrad mit nach Hause zu nehmen scheiterte.) Heute war der Tieflader da und hat das Zeug geliefert. Die Strasse musste kurzzeitig für den gesamten Verkehr gesperrt werden.

Nächste Wochen kommt ein Trupp Polen oder Ukrainer und montieren das Bollwerk. Der eine Materialhaufen vor dem Haus erinnert mich ein bisschen an die Vampirjagd, welcher wir damals die meiste Freizeit unserer Jugendjahre opferten.

D J B r u t a l o @ S ç h n u l l i b l u b b e r.ç h

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