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22. Mai 2015

Alptraum eines Ferrosexuellen

Horror ferrovie

Es dauerte noch eine Viertelstunde bis die Geschäfte schlossen. Lona wollte aber unbedingt noch in diesen neuen Kurzwarenladen in Fällanden, um sich ein paar Sommerschuhe zu kaufen. Sie hatte sie im Internet gesehen und wusste, dass die Schuhe in diesem Laden zu haben sind. Ich gab zu bedenken, dass wir in einer Viertelstunde kaum die Strecke vom Berner ins Züricher Oberland schaffen würden. Lona war aber von der Idee besessen und liess sich nicht durch meine kleinlichen Einwände von ihrem Plan abbringen. Schliesslich führte seit dem Fahrplanwechsel im letzten Winter eine neue Strassenbahnlinie direkt dorthin und Lona wollte gleich mal testen, ob die was taugt. Wir begaben uns also schleunigst zur neuen Haltestelle am Berntor und mussten auch nicht lange auf die Bahn warten, die bereits hinter der Burg herangerumpelt kam. Ich traute meinen Augen nicht. Die Bahn, ein graues Ungetüm aus längst vergangener Zeit. Die zweigeteilte Bugscheiben erinnerte mich ein wenig an die GT8SU Züge wie man sie etwa noch auf der U75-Strecke von Düsseldorf nach Neuss sieht. "Diese Gurke schafft es in der verbleibenden Zeit höchstens noch bis auf den nächsten Schrottplatz" scherzte ich, süffisant lächelnd in Richtung Lona. Sie aber ignorierte mich und wand sich mit einer grazilen Geste in die nächste, freie Sitzschale.

Was wollte ich tun? Ich ergab mich meinem Schicksal und setzte mich zu Lona. Schnell beschlich mich das unheimliche Gefühl in einer fahrenden Kunstoffröhre zu sitzen. Dazu muss ich erwähnen, dass ich mich eigentlich nur umgeben von Stahl und Stein wirklich wohl fühle. Aluminium geht gerade noch wenn es draussen nicht kalt und dunkel ist. Flugreisen im Winter probiere ich auszuweichen. Eine Strassenbahn aus Kunststoff könnte auch genausogut aus durchnässtem Zeitungspapier sein oder aus Brokkoli. Ich war aufgekratzt und fühlte mich unsicher. Gefangen in dieser schieren Angst, war ich nicht mehr in der Lage auf meine Umgebung zu achten. Kurz nach unserer Abfahrt zupfte mich Lona auch schon wieder am Ärmel und wollte aussteigen. Wir wären da verkündete sie. Ungläubig guckte ich sie an. Die Ansage aus den Lautsprechern folgte umgehend und in ungewohnt ruppigem Ton: "Nächster Halt und Endhaltestelle, Fällanden-Zilzentrum. Alle raus!". Es mussten gerade mal fünf Minuten verstrichen sein. Meine Verwirrung hielt mich gefangen. Als ich mich endlich aus meinem Sitz schälte stand Lona bereits ungeduldig auf der Strasse und sah sich nach mir um. Beim Ausstieg wurde nun aber durch die anderen Fahrgäste getrödelt und ich kam gerade nicht mehr raus bevor sich die Strassenbahntüre wieder schloss. Den Fuss, den ich beherzt zwischen die Gummilippen der Türe schob, hatte nicht die gewünschte Wirkung, die Türe blieb zu. Offenbar war das Gefährt tatsächlich aus der Pionierzeit der Gleisfahrzeuge. Im allerletzten Moment konnte ich meinen Fuss noch ins Wageninnere retten. Die Bahn fuhr bereits weiter. Ich war der einzige Passagier, Lona konnte ich durch die kleinen Fenster schon nicht mehr sehen.

Ich ging davon aus, dass ich nur kurz durch eine Wendeschleife gegurkt werde und gleich wieder an der Abgangshaltestelle aussteigen konnte. Die Bahn fuhr jedoch immer weiter weg. Draussen sah ich ein abgewohntes Industriegebiet mit vielen leerstehenden Fabrikhallen. Es gab keine Kurven und die Bahn fuhr immer geradeaus. Entlang an einer Hafenanlage bis hin zu einem offenen Gewässer. Der Zürichsee? Ich wusste es nicht. Auf dem Wasser waren etliche Schiffe zu sehen. An den Hafenmolen würde emsig gearbeitet. Kähne gelöscht und beladen. Lärm drang in die Strassenbahnkabine. Plötzlich verlangsamten wir die Fahrt und fuhren in eine Kurve. Eine langgezogene Rechtskurve quer über die Wasseroberfläche. Eine Brücke konnte ich keine ausmachen, offenbar fuhren wir unmittelbar auf dem Wasser. Mir wurde wieder bang. Ich fragte mich, ob dies der See Genezareth sei und ob ich bereits in der Jesusbahn sass. Kalter Schweiss rann mir aus den Poren. Ich rannte in der leeren Bahn umher, wollte aussteigen. Wir erreichten ein Eiland und fuhren - jetzt wieder ein wenig schneller - durch eine verlassenen Stadt. Nach einer Weile fuhr die Bahn in ein Gebäude hinein. Ein Werkhof oder eine Tramgarage, schwer zu sagen. Erst jetzt fiel mir auf, dass wir nicht auf Schienen fuhren, sondern auf dem nackten Pflaster. Ich fühlte mich wie ein Brocken Zerkautes, das durch eine Speiseröhre gedrückt und der Verdauung zugeführt wird. Die Bahn schlängelte sich durch diverse Hallen und kam in einer Montagebucht zum Stehen. Wir mussten mittlerweile tief im Innern des Gebäudes sein. Die Tür schwang auf und ich rannte sofort raus. Der Tramführer sowie zwei weitere Männer in Lederschürzen die in der Halle herumstanden schauten mir verdutzt zu wie ich die Bahn verliess und das Weite suchte. Keiner rührte sich oder sprach zu mir.

Da wir nicht, wie es für Strassenbahnen üblich ist, auf einem Gleis gefahren waren, hatte ich beträchtliche Schwierigkeiten den Ausgang zu finden. Ich irrte umher und befand mich plötzlich in einer Fabrikhalle die mir fremd vorkam. Ich konnte mich nicht daran erinnern diese Halle von der Bahn aus gesehen zu haben. In der Halle waren ein paar riesige Maschinen aufgebaut, die mich entfernt an die Drehbänke aus meiner Mechanikerlehre erinnerten. Die Maschinen waren allerdings so dermassen gross, dass an jeder einzelnen ungefähr zehn Arbeiter standen und sie bedienten.  Die einen Arbeiter rollten von grossen Rollen Fasergewebe auf eine sich langsam drehende Spindel. Andere bestrichen die so entstandenen Gebilde mit einer übelriechenden, harzartigen Flüssigkeit und wieder andere schnitten mit laut kreischenden Handschleifmaschinen Löcher in die ausgehärteten Rohre. Schnell erkannte ich, dass hier offenbar die Kunstoffkarossen der Strassenbahnen entstanden. Ein Deckenkran transportierte die fertigen Gebilde auf ein Förderband auf welchem sie in einer weit entfernten Ecke der Halle verschwanden. Ich hatte hier nichts verloren und rannte weiter. Ich fand aber in der ganzen Halle keine Tür durch die ich flüchten konnte. Die Dämpfe des Harzes griffen bereits meine Atemwege an. Ich geriet in Panik und versuchte über ein Gerüst das Dach der Halle zu erreichen. Ehe ich auch nur in die Reichweite eines Dachfensters kam ergriff mich der riesige Greifarm, wirbelte mich herum und drückte mich auf die leere Spindel einer der Maschinen.  Das letzte was ich wahr nahm, waren die blutunterlaufenen Augen eines Arbeiters. Er kam mit einer Packung Fasergewebe auf mich zu und rollte mich damit an der Spindel fest als wäre ich Teil eines Druckverbandes. Ich drehte mich langsam mit der Spindel, es wurde dunkel und ich verlor mein Bewusstsein.


D J B r u t a l o @ S ç h n u l l i b l u b b e r.ç h (303/31)

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